Papa ruft an | Offizielle Seite von Bastian Bielendorfer

Papa ruft an

Leseprobe

Der Aufzug
Was für ein ätzender Tag. Dauerregen und Stau in der Innenstadt, der aus einem Kilometer eine gefühlte Marathondistanz macht. Auf den einzigen drei Metern freier Strecke bin ich auch noch geblitzt worden. Und ich muss schon seit dem Losfahren aufs Klo. Dazu hat Otto heute seine dollen fünf Minuten seit genau drei Stunden am Stück. Während ich zu Hause angelangt versuche, ihn in den Aufzug zu bugsieren, zieht er an der Leine und bleibt vor der Tür des Aufzugs sitzen, während ich bereits drin stehe. Kurz bevor unser Mops von den schließenden Türen geköpft wird, hämmere ich auf den Notausschalter des Aufzugs und löse damit offensichtlich einen Kurzschluss aus. Plötzlich ist es dunkel, Otto kratzt von draußen an der Aufzugstür, ihm geht es zumindest schon mal gut. Ich drücke die Notruftaste. Einmal, fünfmal…doch es tut sich gar nichts. Der Kurzschluss hat wohl auch den Notruf lahmgelegt, geniales System. Da klingelt auch noch mein Handy.

 

»Na, Spatzilein, alles gut bei diöööö?«

»Geht so, Mama. Es passt gerade nichtso gut …«

»Robert, hörst du, wir stören schon wieder!«

»Mama…es ist gerad…«

»Eine Mutter stört NIE, Bastian…ich habs ihm gesagt, Robert.«

»Mama…«

»Da ruf ich mal an und schon stört es wieder! Denk mal dran, wer dich zur Welt gebracht hat!«

»Mama!«

»Das ist richtig, Sohn!«

»Ich stecke im Aufzug fest…«

»Wie?«

»Wie wie? Ich stecke im Aufzug und der Hund sitzt draußen vor der Tür!«

»Das trifft sich gut, gib mir den Hund mal.«

»Geht nicht, hab doch gerade gesagt, dass der vor der geschlossenen Fahrstuhltür sitzt«

»Der Hund sitzt vor der Tür?«

„Sag ich doch…“

»Und er ist eingeschlossen?«

„Hä?“

»Ich übersetze nur für deinen Vater.«

 

Ich komme mir vor als würde ich mit meinem Echo sprechen

 

»Stell doch auf laut…«

„Geht nicht, ist kaputt“

 

Kaputt heißt, dass Mutter vergessen hat, welcher Knopf der richtige ist.

 

»Können wir vielleicht später telefonieren? Ich muss jetzt hier mal den Notdienst rufen.«

„Notdienst? Warum das denn?“

„WEIL ICH IM AUFZUG FESTSITZE!“

„Drück doch die Notruftaste“

»Das habe ich getan, mittlerweile zehnmal…aber da passiert nix.«

»Sowas passiert auch nur dir, Bastian.«

»Was ist das denn für ein bescheuerter Vorwurf, ich hab mir das doch nicht ausgesucht!«

 

Seit ich klein war, höre ich dieses »Das passiert auch nur dir« ständig von meinen Eltern. Als hätte ich ein Patent auf unvorhersehbare Situationen. Als ich mir mal ein Bein brach, sagten sie, obwohl es statistisch kompletter Blödsinn ist:»Das passiert auch nur dir!«. Als ich mal den kompletten Urlaub Magen-Darm-Grippe hatte, hieß es »Das passiert auch nur dir!« Und als meine erste Freundin nach der Trennung lesbisch wurde, hieß es das auch. Im letzten Fall hatten sie wahrscheinlich leider sogar Recht.
„Ach ja, weißt du eigentlich, was heute ist?

„Keine Ahnung? Weltaufzugstag?“

„Ottos Geburtstag! Der 22.9. ist Ottos Geburtstag.“

„Ach wirklich?“

 

Ich glaube, es gibt direkt nach dem Namenstag von Tante Renate kaum einen Festtag, der für mich weniger Bedeutung hat.

 

„Natürlich, Otto ist Jungfrau, das merkt man gleich.“

„Mutter, bitte. Sollen Sternzeichen jetzt auch noch für Hunde gelten?“

„Man nennt es nicht umsonst Tierkreiszeichen, Bastian.“

„Da kommt das sicher nicht her, Mama…“

„Du verstehst ja auch keine Ironie, Bastian st du das Paket denn schon bekommen?“

»Was denn für ein Paket?«

„Mein Gott, zu Ottos Geburtstag!“

»Mama, Ottos Geburtstag ist uns relativ egal.«

»Tja, das sieht dir ähnlich.«

»Ihr habt doch um MEINEN Geburtstag auch nie Aufhebens gemacht, ihr habt immer nur gesagt, dass geboren werden keine Leistung ist…«

»Aber hier geht es doch um den Hund, nicht um dich!«

 

Unglaublich, wie meine Eltern Prioritäten setzen. Vor der Tür höre ich die liebenswerte Oma, die unter mir wohnt, Frau Schürhuf, sie ist offensichtlich gerade vom Einkaufen zurückgekommen und will in den Aufzug steigen, vor dem aber nur ein verdutzter Otto sitzt.

 

»Huhu, ist da wer?«

»Ja ich, Bielendorfer…«

»Wer?«

»BIELENDORFER…aus dem vierten Stock…ich sitze im Aufzug fest…«
»Aha…ist das ihr Hund?«

 

Überall Schnellmerker um mich herum. Mutter am Telefon, Frau Schürhuf vorm Aufzug – ich komm mir vor wie beim Demenztreff im Altersheim.

 

»Ja, das ist Otto. Den kennen Sie doch!«

»Gehört der hierhin?«

»Nein, natürlich nicht, der steht nur noch draußen…«

»Der AAARME!« echot meine Nachbarin meiner Mutter nach, die immer noch im Telefon etwas von Tierkreiszeichen redet.

 

Und warum sagen eigentlich alle »der Arme«? Ich sitze doch in diesem dunklen, blöden Aufzug fest…!

 

»Ich nehm den mal mit, bis sich das mit Ihnen geklärt hat, ja?«

»Jaja, machen sie mal…«

 

Was heißt denn hier geklärt hat? Ich bin doch hier nicht beim Tropenmedizinier oder bei der Musterung. Ich sitze im Aufzug fest, unverschuldet!

 

»Da müsste vor dem Aufzug ein Schild mit der Notfallnummer sein…können sie mal gucken…«

»Oh, da muss ich meine Brille holen…«

 

Ich will noch „Neeeein“ brüllen,aber da höre ich schon, wie Frau Schürhuf mit ihren Omapumps in den dritten Stock stiefelt. Bis sie vom Erdgeschoss dahin und wieder zurück getrippelt ist verglüht die Sonne. Wenigstens nimmt sie Otto mit, der war bisher der Einzige, der sich hier aufrichtige Sorgen um mich gemacht hat.

 

»Was ist denn jetzt, Sohn. Kannst du Otto mal das Telefon hinhalten?«

»ICH SITZE IM AUFZUG FEST…«

 

„Ja, er sitzt im Aufzug fest, Robert…“, spielt meine Mutter wieder stille Post im Hintergrund.

»Das passiert auch nur dem!«, antwortet mein Vater nur.

 

Langsam wünsche ich mir, dass der blöde Aufzug einfach abstürzen und mich in die Tiefe reissen möge. Obwohl »Tiefe« wohl ein ziemlich übertriebener Begriff für das unter mir liegende Kellergeschoss ist. Wahrscheinlich würde ich nur eineinhalb Meter absacken, mir dabei ein Bein brechen und meine Eltern könnten dann behaupten: „Das passiert auch nur dir, Bastian.“

 

»Jetzt reg dich doch nicht so auf. Das Wichtigste ist, immer ruhig bleiben, Sohn!«

»Mama, es ist dunkel…«

»Warum denn dunkel?«

»Der STROM ist aus, verdammt nochmal!«

»Ruhig bleiben, Sohn…«

»Es ist dunkel, meine greise Nachbarin stakst gerade drei Stockwerke hoch, stranguliert auf dem Weg wahrscheinlich den Hund und ich muss schon seit ich eingestiegen bin aufs Klo.«

»Warum stranguliert die denn den Hund, der hat doch Geburtstag!«

»Das war doch nur so dahergeredet…Ich muss aufs Klo, Mama.«

 

»Jetzt muss der Junge auch noch aufs Klo«, informiert meine Mutter meinen Vater, der wahrscheinlich gerade mit der Tageszeitung am Küchentisch sitzt.

 

„Das passiert auch nur dem!«, ist seine lapidare Antwort.

 

Ich bin kurz davor, komplett auszurasten. Und mich einzunässen.

 

»Hallooo? Sind Sie noch da?«, höre ich Frau Schürhuf vor der Tür rufen. Sie hat es wahrhaftig in der Rekordzeit von zwei Basti-Wutanfällen wieder ins Erdgeschoss geschafft. Ihre Frage ist natürlich kompletter Blödsinn. Wo soll ich denn schon hingegangen sein?

 

»Ja, klar bin ich noch da. Steht da an der Tür irgendwo eine Telefonnummer?«

»Ich glaube schon, können Sie mitschreiben?«

»Nein, es ist dunkel und ich habe keinen Stift…«

»Aha…«

„Ich kann mir das merken, lesen sie bitte einfach vor…“

»Null Eins Sieben Sieben…nochmal die Sieben…«

»Zwei oder dreimal die Sieben?«

 

Auf die Idee, Mutter einfach abzuwürgen und die Nummer direkt ins Handy einzugeben, komme ich nicht mal, wahrscheinlich weil in meiner Kabine mittlerweile Sauerstoffmangel herrscht.

 

»Nix 2 oder 3…die SIEBEN!«, ruft Frau Schürhuf mit ihrer stottrigen Omastimme.

 

Ich ahne, wie sie mit auf die Nase geschobener Lesebrille und ihrem Finger über das kleine Messingschild an der Aufzugstür fährt. Wahrscheinlich wäre es einfacher, wenn mir ein Schimpanse die Nummer mit Morsezeichen durchklopfen würde.

 

»Nein, wie oft die Sieben, 2 oder 3 mal…«

»Was ist denn bei euch los?« fragt meine Mutter am Telefon. Ich  ignoriere sie komplett.

»Die Sieben dreimal…hören Sie?«

»Ja!«

»Dann die Neun…hören sie?«

»JA! Lesen sie einfach die bescheuerte Nummer vor!«

»Wie bitte,Sie müssen hier gar nicht ungehalten werden.«

»Ich hab keine Zeit…«

»Was ist denn mit Ihnen…haben Sie Luftnot?«

»ICH MUSS KACKEN!«, brülle ich und bin selbst überrascht, wie es aus mir herausbricht. Langsam falle ich auf das Niveau eines Steinzeitmenschen zurück.

 

Frau Schürhuf higegen tut so, als hätte sie meinen Ausbruch nicht mitbekommen und liest einfach weiter vor. Mutter fragt währenddessen übers Handy, ob ich gerade wirklich derartige »Vulgaritäten« von mir gegeben hätte.

Plötzlich poltert es draußen, offensichtlich ist das Publikum meines kleinen Unglücks gerade noch um einen Protagonisten erweitert worden.

 

„Ich habe hier ein Paket für »Otto Bielendorfer«, höre ich den DHL-Mann dumpf durch die Tür sagen.
»Der steckt im Aufzug fest!«,hilft Frau Schürhuf.

»Stimmt nicht, das ist der Hund«, brülle ich und merke erst dann, wie unglaublich bescheuert das klingt.“

»Der Hund?«, sagt der DHL-Mann angemessen verunsichert.
Das darf alles nicht wahr sein. Ich sitze im Aufzug fest, Mutter nörgelt mir ins Ohr, meine greise Nachbarin kann keine Telefonnummer vorlesen, der DHL-Mann will ein Paket für den Hund zustellen und ich defäkiere mich gleich selbst.
»Ist das Paket für Otto gerade gekommen? Ich habs an ihn geschickt, lustig, oder?«, giggelt Mama am anderen Ende des Telefons.

»Mama, ich muss jetzt mal auflegen, ich melde mich später wieder!«

»Alles Guhuute«, ruft Mutter in die Dunkelheit meiner Aufzugskabine.

»Lieber Herr Postbote, ich stecke hier im Aufzug, könnten Sie bitte den Notdienst rufen, die Nummer steht am Aufzug«, flöte ich so freundlich, wie es mir nur möglich ist,durch die Türe.

»Geht nicht, ist Diensthandy«, sagt der Mann stumpf wie ein Hinkelstein.

»Dann geben sie mir doch die Nummer durch…BITTE!«

»Ich muss das Paket zustellen…sind Sie Otto Bielendorfer?«

»Ja, bin ich!«

»Stimmt gar nicht, das ist der Hund!«,schaltet sich Frau Schürhuf ein.Jetzt fällt mir die alte Schachtel auch noch in den Rücken.

»Ich muss doch nur beim Notdienst anrufen, bitte sagen Sie mir doch die Nummer durch!«

»Okay!«, ruft der DHL- Mann.Endlich jemand, der halbwegs zurechnungsfähig ist.

»Hören Sie? Null Eins Sieben Sieben Sieben..«

 

Ich tippe die Nummer in mein Handy, die Rettung ist so nah. Da wird das Aufblinken der Telefonnummer plötzlich von einem Anruf unterbrochen. Nadjas Gesicht strahlt mir vom Display entgegen.

 

»Hallo Schatz, hör mal, kannst du nachher Mozzar…«

»Nadja, hör zu! Ich stecke im Aufzug fest…“Draussen brüllt derweil der DHL-Bote weiter die Nummer…Acht Vier … , »…ich muss aufs Klo, das Licht ist aus, draußen stehen Frau Schürhuf und der DHL-Bote und lesen mir die Nummer vom Notruf vor und ich kriegs nicht hin, da anzurufen, das ist einer der schlimmsten Tage meines Lebens…«
»Wo ist Otto?« fragt meine Frau. DAS ist das einzige, was ihr offensichtlich dazu einfällt.

»Der ist bei Frau Schürhuf, es geht im gut!«

»Aha…der hat nämlich heute Geburtstag, und du steckst im Aufzug fest!«

»JAAAAAAA!!!!!!«

»Tja, sowas passiert auch nur dir, Basti!«, sagt Nadja.

 

Ich korrigiere. Das ist der schlimmste Tag meines Lebens. Definitiv.