Lehrerkind | Offizielle Seite von Bastian Bielendorfer

Lehrerkind

Hörprobe

Solidarität für Afrika

 

Leseprobe

Der Sportlehrer

Der Sportlehrer leidet berufsbedingt unter einer Art mentaler Vorhautverengung. Das liegt zum einen daran, dass er das einzige Fach unterrichtet, das man vom intellektuellen Anspruch her auch einem Schwarzbrot überlassen könnte, zum anderen daran, dass der Beruf „Sportlehrer“ das Sammelbecken für alle ist, die wegen sadistischer Neigungen von der Fremdenlegion abgelehnt worden sind.
Wo die anderen, der humanistischen Bildung verschriebenen Kollegen eher versandete Späthippies sind, ist der Beruf des Sportlehrers die Auffangstation für geistigen Kleingärtner, die in ihrer Freizeit Tauben züchten, Miniatur-Schlachtschiffe nachbauen und CDU wählen.
Leider musste ich in meiner Schulzeit immer dem gleichen Typ an Sportlehrer ausgesetzt sein, dem ehemaligen Elitesöldner, der aus jeder Völkerballstunde einen Kampf auf Leben und Tod machte.
Er hieß Schmitz und war drahtig und sehnig wie ein Körperweltenplastinat und hatte vergleichbar wenig Herz und Verstand.
Wo andere eine Ansammlung verweichlichter, dicker Kinder und ein schlecht aufgehängtes Volleyballnetz sahen, sah Herr Schmitz ein miniaturisiertes Schlachtfeld, das als Vorbereitung auf die erbarmungslose Alltagswelt dienen sollte.
Da stand ich nun, das speckige Bindeglied zwischen Mensch und Herrentorte, meine kleine Teenietitte zeichnete sich unheilvoll unter meinem T-Shirt ab, auf dem eine Banane in Sportschuhen „Fit and Fun for Fitness“ forderte.
Ich trug eine Leggins in altrosa, die meine Mutter wahrscheinlich viele Jahre zuvor während der Schwangerschaft in der Hoffnung auf ein Mädchen gekauft und nun an mir recycelt hatte. Vor mir lag eine graublaue Sportmatte, hart wie Gießbeton, und nicht weiter darüber tat sich die Nemesis eines jeden dicklichen zwölfjährigen auf: die Reckstange.
Silbern und unheilvoll glänzte sie mir entgegen, in der Ferne sah ich mehrmals das grüne Notausgangsschild aufblinken.
Ein dummer Spruch hatte mich hierhin geführt, ich hatte Herrn Schmitz kaninchenhodengroßen Kopf als Verwahrstation für Medaillen bezeichnet und ihn damit eindeutig nicht zum Lachen gebracht.
Dafür bestrafte er nicht mich, sondern gleich die ganze Klasse mit einer Turnübung.
Jeder der wenigen Muskeln meines Körpers spannte sich bis zum Zerbersten, Blut umspülte kalt mein Hirn, der Schweiß schoss wie ein Güterzug aus jeder Pore meines Körpers. Ich stand am Scheideweg, vom Loser zum Goalgetter. Ich musste nur mit aller Kraft hochspringen, den Schwung des Anlaufs nutzen und dann eine sechsfache Rolle um die Reckstange machen. Am Ende der sechsten Drehung würden die Zentrifugalkräfte meinen teigigen Leib auf eine so große Geschwindigkeit gebracht haben, dass ich nur die Umklammerung lösen müsste, um anschließend mit einem doppelten Salto dem Erdboden entgegenzugleiten. Die Mädchen meiner versammelten siebten Klasse würden in einem spontanen Sturm der Begeisterung ihren ersten Eisprung bekommen, die Jungs sich in Embryonalstellung auf dem Turnhallenfußboden zusammenkauern und mein Sportlehrer einem schockbedingten Herzinfarkt erliegen.
Es ist wohl nicht nötig zu erwähnen, dass die Wirklichkeit etwas anders aussah. Mit der Grazie einer Pofalte rannte ich schreiend auf die Reckstange zu, griff an ihr vorbei und versenkte sie tief in meinem Speckbauch. Ich drehte mich einmal um die eigene Achse, ließ genau am unteren Scheitelpunkt der Stange los und fiel wie ein nasser Sack auf die Betonplatte unter mir. Dann furzte ich noch einmal laut, bevor ich die Besinnung verlor.