Lebenslänglich Klassenfahrt | Offizielle Seite von Bastian Bielendorfer

Lebenslänglich Klassenfahrt

„Ich fahre dieses Jahr übrigens bei der Skifreizeit mit“,eröffnete ich meinen Eltern eines Nachmittags. Ihre Kinnladen klappten simultan herunter, als hätte ich gerade meine Konvertierung zum Islam bekannt gegeben.
„Was willst du denn beim Skifahren, das ist doch Sport?“, fragte meine Mutter, die gerade im Fressnapf-Katalog nach passenden Westen für unsere Dogge Adenauer shoppte. Gerade hatte sie ein winterfestes Modell mit der Aufschrift „Kampfscheisser“ angekreuzt.
„Warum denn nicht, viele Leute fahren Ski“, hielt ich genervt dagegen.
Mein Entschluss war gefallen, basta, jetzt mussten meine Eltern nur noch die 780 Mark Fahrgeld locker machen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie das taten, war zwar geringer, als dass sie auf meine Bitte hin einem Wanderzirkus beitraten, aber egal, ich musste es versuchen.
„Das überstehst du doch eh nicht“, stellte mein Vater nüchtern fest. „Geh doch lieber in ein Terrorcamp, da stehen deine Überlebenschancen besser“, sagte er und konnte sich das Lachen nicht verkneifen.
Sie hatten Recht, die Gefahr dass ich ohne Beine, ohne Kopf oder ohne beides zurückkehrte, war nicht allzu gering, aber ich war bereit, das Risiko auf mich zu nehmen.
Aber es gab natürlich einen triftigen Grund, warum ich ausgerechnet in die bitterkalten Berge reisen wollte, anstatt es mir auf der alternativen Klassenfahrt in die Toskana bei einem Cocktail unter der Mittelmeersonne gemütlich zu machen. Hanna fuhr Ski.
„Ich will aber …“, langsam setzte die pubertäre Trotzphase ein, ich war kurz davor, loszuheulen und die Türen zu knallen.
„Du hast doch gar keine Ski“, resümierte meine Mutter zu Recht. Ich war sechzehn und konnte gerade so ohne Stützräder Fahrrad fahren, da waren zwei Holzbretter und ein verschneiter Berg wie  eine Direkteinladung auf die Intensivstation.
„Brauch ich gar nicht, die Schule verleiht welche … außerdem fahren alle mit!“, log ich eiskalt, denn eigentlich hatten sich nur siebenSchüler zu Beginn der zehnten Klasse für den Irrsinn angemeldet, der Rest, ungefähr hundert Mann, fuhr zu seinem Mittelstufenabschluss lieber in die Toskana.
„Wenn alle aus dem Fenster springen, machst du dass dann auch“,kam mein Vater mit ein wenig Hausfrauenpsychologie.
„Naja“, lenkte ich ein. „ … Eigentlich nur, wenn Hanna Sommer mit springt“, gab ich kleinlaut zu. Ich hatte verstanden, dass ich mit meinem eigentlichen Grund rausrücken musste, sonst würde das nie was werden.
Mein Vater schaute mich an, als würde er mit Röntgenstrahlen nach einem Rest Hirn in meinem dicken Schädel suchen, dann drehte er sich zu meiner Mutter um und nun schüttelten beide simultan den Kopf wie ein Paar Wackeldackel.
„Hanna Sommer fährt mit?“
„Jaaa!“
„Das ist aber dämlich von dir, mein Sohn.”
Jetzt kam er wieder mit diesem „Mein Sohn“-Mist, diese Redewendung wurde nur angewandt, wenn ich aus seiner Sicht etwas besonders Bescheuertes vorhatte. Aber immerhin ritt er nicht länger auf der Vergeblichkeit meiner amourösen Absichten herum.
„Und was soll das kosten?“ fragte mein Vater, der wohl endlich einsah, dass ich von meinem Plan nicht abzubringen war. Als ich auf 750 Mark abrundete, wichen zuerst das Lächeln und dann die Farbe aus seinem Gesicht, er sah aus wie schockgefrostet. Wahrscheinlich rechnete er gerade aus, wie viele Schallplatten er für diese Unsumme bei „Easy Records“ kaufen könnte.
„Das ist doch recht preiswert“, sagte meine Mutter unerwartet, der ungläubige Blick meines Vaters schwenkte von meinem verheulten Kuchengesicht auf die Lippen meiner Mutter, die gerade etwas gänzlich Unmögliches formuliert hatten. 750 Mark? Davon konnte man aus der Sicht meines Vaters den Ostblock sanieren, einen Mercedes kaufen oder zum Mond fliegen, für einen Trip in die Alpen konnte das nur ein Scherz sein.
Meine Mutter verschwand daraufhin im Keller und kehrte mit etwas zurück, das aussah, als hätte man meinen Sportlehrer Herrn Schmitz gehäutet. Ein lilafarbener Skianzug aus Ballonseide Größe L (was in diesem Fall wohl für „Lächerlich“ stand), mit gelben Reflektorstreifen auf der Brust.
„Der passt dir bestimmt“, strahlte meine Mutter und hielt mir das Ding vor die Brust. Woher der Anzug kam, konnte ich nur vermuten, mein Vater schaute jedenfalls, als hätte meine Mutter ein Andenken an einen Mann vor seiner Zeit aufbewahrt.
„Igitt, der riecht wie ein sonnengetrockneter Waschbärkadaver aus der Mülltonne“ protestierte ich.
„Sieht auch so aus“ sagte mein Vater und verschwand hinter der Tür seines Arbeitszimmers.
Nach einer guten Stunde unter Aufwendung aller menschlichen Kräfte hatten wir mich erfolgreich in die Pelle gedrückt, ich stand vorm Spiegel und musterte mich mit Abscheu. Es sah ein wenig aus, als hätte man einen Müllmann mit einem Zirkuszelt erdrosselt.  Aus meinem Bauch war eine hautfarbene Buckelpiste aus Fettrollen geworden.  In der viel zu engen Hose zeichnete sich mein Geschlechtsteil wie eine kleine Gewürzgurke ab.
 „Och neee…“, stöhnte ich. Langsam kamen mir selbst Zweifel an meinem Vorhaben. Naja, immerhin konnte ich mich bewerben, wenn die Bundeswehr mal eine rein schwule Gebirgsjägerstaffel zusammenstellen würde.
„Die Farbe ist doch toll, Basti, dann hebst du dich gut vom Schnee ab, falls dich eine Lawine überrollt“, sagte meine Mutter und meinte das wohl ernst. So wie ich aussah, nahm wahrscheinlich jede Lawine davon Abstand, mich zu berühren, geschweige denn zu verschütten.
Mein Vater kam aus seinem Zimmer, schaute und schaute mich fassungslos an. Erst lächelte er. Dann grinste er. Und dann lachte er.
„Naja, wenigstens sind wir ADAC-PlusMitglied, die können ihn nach dem Urlaub dann aus dem Skikondom raus schneiden“, sagte er und ging zurück in sein Zimmer.
Es stand fest, in 3 Wochen würde ich über einen verschneiten Gipfel der Alpen rasen.
Zumindest einmal, bevor die Sanitäter kamen.